Welche Gitarrentechnik ist Shredding bzw. „shreddern“?

Gitarristen nennen jemanden der sehr schnell spielen kann einen „Shredder“. Das ist weder etwas gutes noch etwas schlechtes.
Jedoch ist schnell spielen nicht immer super toll und schön. Es gibt nämlich die, die einfach schnell spielen und dann gibt es die, die super toll schnell spielen.
Oft setzten schnelle Soli neben Gitarrentechniken auch gewisse Kenntnisse über Theorie voraus, damit es trotzdem noch spannend bleibt.

Gitarrentechniken damals

Mit damals sind die 70er oder 80er gemeint. Es gab auch dort natürlich schon viele Gitarristen. Jedoch spielten die „schnellen“ Gitarristen hauptsächlich Tonleitern hoch und runter.
Natürlich nicht nur Tonleitern, aber ich meine damit einfach eher unspannende Lines.
Der Grund war, weil die Lines eher unspannend waren, musste man sie sehr schnell spielen um wenigstens dort wieder etwas spannendes reinzubringen.

Ein Blick auf Paul Gilbert’s „Technical Difficulties“ bringt wahrscheinlich ein wenig Licht ins dunkle:

Technical Difficulties
Technical Difficulties

Wie man gut sehen kann, ist dieser Abgang nicht wirklich spannend. Auch ist das Muster relativ einfach zu erkennen. Aufgrund dessen ist es wichtig, diese Line so schnell wie möglich zu spielen um wenigstens so eine Art Wow-Effekt erzeugen zu können.

Das mag jetzt vielleicht alles sehr abschätzend klingen, ist aber überhaupt nicht so gemeint. Ich bin ein grosser Fan von Shredding und Techniken usw. Ich will hier einfach ein paar Unterschiede aufzeigen.

Das gleiche gilt für Jason Becker’s „Serrana“. Andere Technik, gleiche Wirkung.

Serrana
Serrana

Ein weitere Beispiel wäre Eddie Van Halen’s „Eruption“.

Eruption
Eruption

Sauberkeit

Das gute ist, jeder kann Shreddern. Auch ohne es zu üben. Es klingt halt einfach nicht gut, trotzdem ist es schnell. 😛

Das schlechte ist, es dauert wirklich lange bis es sehr gut klingt.

Ein gutes Beispiel ist dieses hier (keine Diskriminierung. Es ist ja schon auf Youtube mit „Worst Guitar Solo Ever“ hochgeladen).

Die Synchronisierung der rechten und linken Hand stimmt nicht überein, deshalb gibt es viele „Ghost Notes“ die keine sein sollten. Die Geschwindigkeit variiert stark und es hat viele hörbare leere Saiten die dort nichts zu suchen haben.

Noch ein tolles Beispiel ist dieses hier:

Hier haben wir neben unsauberem gesweepe auch noch eine unvorteilhafe Verzerrung.
Man hört weder die Noten die er spielt noch hat es einen Rhythmus der Sinn ergibt.
Würde man es 50% verlangsamen könnte man die Noten die er spielt nur erraten da auch viele aufgrund Unsauberkeit gar nicht gespielt wurden.

Diese Art von unsauberem geshreddere hört man hauptsächlich bei Gitarristen, die gerade erst damit begonnen haben schnelle Lines zu spielen.
Ich war ja genau gleich. Höre ich mir MP3’s oder Videos von damals an, dann läuft es mir kalt den Rücken runter.
Aber man weiss es ja nicht besser in dieser Situation. Man meint einfach, man spielt schnell und das war’s.

Gitarrentechniken von heute

Die heutigen Gitarrentechniken haben sich stark verändert. Man shreddert nicht einfach noch Tonleitern hoch und runter und man versucht mögliche vorhersagbare Lines zu vermeiden.
Das heisst, wird ein Muster ein paar mal gespielt, ändert man es. So bleibt es immer spannend.

Unser Gehör macht tatsächlich viel mehr als man denkt, ohne das man sich darauf konzentriert.

Es ist übrigens überhaupt nicht schlimm, wenn eine Lick vorhersagbar ist. Aber es gibt gewisse Musikrichtungen, wie zum Beispiel Progressive Rock/Metal wo man versucht, möglichst neue Dinge zu machen und eben nicht-vorhersagbare Riffs/Licks/Lines zu schreiben.

Gehör

Wie immer in der Musik, spielt das Gehör eine tragende Rolle.
Viele werden sich jetzt wohl fragen; was hat das Gehör mit Shreddern zu tun? Aber genau das ist der Punkt.
Seid ihr im Kopf oder wie gesagt mit dem Gehör noch nicht so weit um schnell zu spielen, dann machen auch eure Finger nicht das, was ihr haben wollt.
Man muss langsam beginnen, viele Rhythmen und Patterns spielen, viele Wiederholungen und viel mit Metronom spielen bis es richtig richtig gut klingt.

Das benötigt eine Menge Zeit und Geduld. Ob es sich danach gelohnt hat ist eine andere Frage.

Vorgehen beim üben

Ich hatte damals meine 10h Gitarren Tage, welche ich nichts anderes gemacht habe als Tonleitern hoch und runter zu shreddern. Leider wusste ich damals noch nicht, was die richtige Vorangehensweise eigentlich wäre.
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich bei jeden Speed mithalten und auch gut abliefern kann. Naja, dann kam das Tonstudio.
Die CD Aufnahme war viel erbarmungsloser als meine Anforderungen an mich selber. Es klang wirklich nicht Toll.

Also das Solo welches ich einspielen sollte, war nicht genug geübt. Nicht einmal die Techniken welche in diesem Solo angewendet wurden waren genug gut geübt.
Ich wusste also, ich musste wieder wie von vorne beginnen und habe eine neue Vorangehensweise ausprobiert.

Der Trick heisst „Pomodoro Technique“.

Was ist die Pomodoro Technique?

So wie ich es verstanden habe war das ein Typ, der irgendetwas gelernt hat (ich glaube es war irgend etwas mit Sprachen) und hatte eine kleine Küchenuhr (diese Dinger die man dreht und nach ein paar Minuten klingeln) welche wie eine Tomate aussah.

Stellt euch vor, ihr stellt einen Timer auf 2 Minuten. Und lernt jede Technik zwei Minuten lang pro Tag. Nach wenigen Tagen werdet ihr immer schneller und schneller und vor allem sauberer.

Es lohnt sich definitiv nicht, 5h Technik pro Tag durch zu hämmern. Lieber beginnt ihr mit wenig, dafür richtig. Konzentriert euch auf jede Technik wieder genau gleich. Schaut kein Netflix, denkt nicht an den Strand und redet nicht mit euch selber dabei.

Nach den 2 Minuten macht ihr wieder 1-2 Minuten pause um den Kopf und die Hand zu lockern.

Techniken

Mit folgenden Techniken würde ich anfangs beginnen:

Alternate Picking

Alternate Picking Beispiel
Alternate Picking Beispiel
Alternate Picking Beispiel

Hier geht es vor allem darum, sauber zu spielen. Anfangs kann sich ein Ziel gesetzt werden wie zB. 60bpm. Nun haben wir Triolen, was das ganze nicht unbedingt einfacher macht.

Sinn der ganzen Übung ist, dass ihr alle Finger gleich gut mit nur einer Übung hinbekommt.
So werden Beispielsweise im ersten Takt die Finger 1, 3 und 4 (für Bund 5, 7 und 8) verwendet, im zweiten Takt Finger 1, 2 und 4 und im dritten Takt Finger 1, 2 und 4.

Wir spielen also jede Kombination welche es auf der Gitarre gibt einmal durch.
Diese Balken oberhalb der Tabs bedeuten Downstrokes. Also von oben (tiefste Saite) nach unten (höchste Saite). Die „V“ das Gegenteil, also Upstrokes, von unten nach oben.

Diese Beispiele kann man besser auf einem Griffbrett erkennen:

Alternate Picking Diagram

Legato

Legato Beispiel
Legato Beispiel
Alternate Picking Beispiel

Das Muster bei diesem ist das genau gleiche wie beim „Alternate Picking“. Jedoch stehen überall „P“s und „H“s über den Noten und Tabs. Ein H bedeutet „Hammer On“ und das P steht für „Pull Off“.

Die rechte Hand macht bei dieser Technik eigentlich nicht viel. Trotz allem, ist die rechte Hand wichtig. Sogar sehr wichtig.
Entweder hält die rechte Hand die umliegenden Saiten ab, in diesem Fall die „h“ Saite.
Da es bei der linken Hand auf Geschwindigkeit und nicht auf Kraft darauf an kommt, kann es schnell passieren, dass eine andere Saite berührt wird welche mit verzerrtem Sound extrem laut mitklingen können.

Deshalb ist die zweite wichtige Aufgabe der rechten Hand auch, dass sie mit der Handfläche die anderen Saiten abdeckt.
Eigentlich ist somit jede Saite, welche nicht gerade von der linken Hand „gehämmert“ oder „weggezogen“ wird, abgedämpft.

Sweep Picking

Sweep Picking, sweepen oder sweeping (wie auch immer man es nennen mag) beschreibt die Technik des „wischens“.
Tatsächlich wischt man über die Saiten, besser könnte man es eigentlich nicht erklären.

Sweep Picking Beispiel
Sweep Picking Beispiel
Sweep Picking Beispiel

Sweepen ist meist eine Kombination aus eben wischen und Hammer On’s und Pull Off’s.
Im obigen Beispiel wird die erste Saite von oben angeschlagen, danach mit einem Pull Off auf die gleiche Saite (normalerweise spielt man zwei Noten auf der gleichen Saite nicht zweimal an).
Das wichtigste bei dieser Technik ist, dass die unterste Saite, in diesem Fall Bund 7 auf der G Saite wieder mit einem Downstroke beginnt.

Ich habe tatsächlich auch schon die andere Variante ausprobiert, also wo die letzte Saite mit einem Upstroke gespielt wird und ich kann definitiv davon abraten. Der Grund ist, ihr spielt die G Saite dann zweimal, weil ihr wieder zurück müsst und das überspringen von oben viel schwieriger ist als von unten.

Tapping

Eine sehr tolle Technik; das Tapping.

Tapping Beispiel
Tapping Beispiel
Tapping Beispiel 1

In der ersten Variante sehen wir das normale Pattern, welches ein A moll 7 Arpeggio ist.
Das kleine „T“ steht jeweils für den zu tappenden Ton. Ich empfehle, das Tappen jeweils mit dem Mittelfinger der rechten Hand zu spielen.
Viele die mit dem Zeigefinger tappen üben und dann auf der Bühne merken, dass sie ja zuerst das Plek irgendwo hinlegen müssen bevor sie tappen können.

Im zweiten Beispiel seht ihr wieder ein Am7 Arpeggio, jedoch wird dieses mal die G Saite rückwärts und wieder vorwärts gespielt.
Dieses hin und zurück spielen ermöglicht es, schneller zu klingen als es eigentlich ist. Ein Grund könnte auch sein, dass die Line eben nicht logisch weitergeht, sondern durch diese kleine Änderung wie unterbrochen und abgeändert wird.

Tapping Beispiel 2

Hybrid Picking

Die Technik die momentan wahrscheinlich am meisten „Inn“ ist, heisst Hybrid Picking.
Hier wird mit Plek und mit den Fingern abwechselnd-, oder gleichzeitig gespielt.

Hybrid Picking Beispiel
Hybrid Picking Beispiel

Neben dem Fingerpicking und dem Plek werden auch viele Hammer On’s und Pull Off’s gespielt. Durch die oft grossen Abstände der Noten (klanglich, nicht unbedingt visuell) wird eine grössere Geschwindigkeit erzielt als eigentlich in Wahrheit gespielt. Wir haben das schon einmal angeschaut unter Melodic Rhythms.

Hybrid Picking Beispiel

Wir starten mit einem Downstroke, danach einen Hammer On auf den 6. Bund auf derselben Saite. Bund Nummer 5 auf der nächsten Saiten spielen wir dann mit dem Mittelfinger (das kleine „m“ auf den Noten steht für Mittelfinger).
Danach wiederholen wir die ersten zwei Noten, gehen danach aber auf Bund Nummer 3 auf der G Saite (wir überspringen eine Saite) und spielen diese Note mit dem Ringfinger („a“ steht für Ringfinger).

String Skipping

Eine der wahrscheinlich nervigsten Techniken ist das String Skipping (Saiten überspringen).
Nervig aus diesem Grund weil man trotz der Geschwindigkeit sehr genau spielen muss.

String Skipping Beispiel
String Skipping Beispiel
String Skipping Beispiel

Hier hat Paul Gilbert schon immer gesagt, dass es wichtig ist die richtigen Down und Upstrokes zu verwenden.
ZB. wird die dritte Note im obigen Beispiel mit einem Downstroke gespielt und die vierte Note wieder mit einem Upstroke.
Der Grund ist die Sauberkeit. Die Gefahr die mittlere – zu überspringende – Saite zu spielen ist dadurch viel kleiner.

Täglich üben

Nun haben wir uns 5 Techniken angeschaut. Jede Technik könnt ihr 2 Minuten (oder mehr oder weniger) lange spielen und das täglich wiederholen.
Anfangs werden diese Techniken überhaupt nicht funktionieren, nach ein paar Tagen aber werden diese anfangs sehr schwierigen Techniken immer besser funktionieren.

Eine Auflistung der Version 1 auf PDF für den Download findet ihr hier.

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Gitarren-Techniken

Nach ca. einer oder zwei Wochen, könnt ihr die Techniken ersetzen, erweitern oder ergänzen. Hierbei ist ein wenig Kreativität gefragt.
Eine andere Idee ist, Solos von anderen Künstlern zu Analysieren und aus sehr schwierigen Parts eigene kleine Techniken zu machen.

In meinem Shop findet ihr die nächsten paar Schritte und Ergänzungen dieser Techniken, welche euch die nächsten paar Jahre beschäftigen sollten. 🙂